Jenseits des Guten und Schönen - Unbequeme Denkmäler

Flechtdorf als unbequemes Denkmal

Vortrag zum Tag des Offenen Denkmals

8. 9. 2013 in Flechtdorf

Dr. Jürgen Römer

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Jenseits des Guten und Schönen - Unbequeme Denkmäler. Das ist die Überschrift, unter die der Tag des offenen Denkmals 2013 gestellt wurde. Das ist bewusst ein wenig provokant, und diese Provokation möchte ich heute noch etwas steigern, indem ich versuchen will, Flechtdorf, die baulichen Überreste des Hospitals und des Klosters aus mehr als acht Jahrhunderten, einmal als „unbequemes“ Denkmal zu beschreiben. Das fällt mir nicht ganz leicht, bin ich doch, seit ich vor mehr als zehn Jahren hier stand und mir diese Bauten zum ersten Mal etwas genauer ansah, wie ich gerne gestehe, regelrecht verliebt in diesen Ort, in dieses ganz besondere Ensemble von Gebäuden. Versuchen wir doch einmal einen leichten Einstieg: Sie alle werden vermutlich Verwandte und Freunde haben, die Sie von Herzen lieben - das will ich wenigstens für Sie hoffen! Und doch - wenn Sie etwas nachdenken, werden Ihnen Eigenschaf ten an ihnen auffallen, die sie nicht mögen: der schwatzhafte Cousin, der immer wieder mal nörgelnde Vater, die mitunter sehr dickschädelige Tochter, die Mutter, die Ihnen vor lauter Liebe manchmal kaum Luft zum Atmen lässt. Aber selbst wenn Sie sich eine Weile auf diese Charaktereigenschaften der Betreffenden konzentrieren, wird Sie das nicht dazu führen können, ihre grundsätzlich positive Einstellung zu diesen Menschen zu ändern. Vielleicht ist es mit alten Gebäuden, denen man landläufig ja oft so etwas wie Persönlichkeit oder Charakter nachsagt, ganz ähnlich. Versuchen wir also heute einmal, trotz aller Sympathie für diesen einmaligen Ort, uns ein wenig auf seine Schattenseiten zu konzentrieren. Im Idealfall kommt dabei am Ende sogar eine noch viel tiefer gehende und glaubwürdigere Liebeserklärung heraus - wir werden sehen! 

Beginnen wir zunächst einmal mit der Frage: Was sind unbequeme Denkmäler? Was haben sich die Verantwortlichen bei diesem Motto gedacht? In der Zeitung zum Tag des offenen Denkmals, die das Landesamt für Denkmalpflege in einem jeden Jahr herausgibt, sind einige Gruppen solcher Denkmäler benannt: Hinterlassenschaften der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte, der NS-Zeit. Da sind wir uns sicher alle einig, wenn wir etwa an Breitenau denken, auch ein ehemaliges Kloster, oder an Trutzhain, das größte Kriegsgefangenenlager Hessens, heute beides Gedenkstätten. Niemand würde ernsthaft bestreiten wollen, dass auch diese Denkmäler erhalten, gepflegt und genutzt werden müssen.  

Ähnlich, aber in ihren physischen wie historisch-politischen Dimensionen sicher nicht vergleichbar - an dieser Stelle weiche ich bewusst von dem einführenden Text der Denkmalzeitung ab - verhält es sich mit den baulichen Überresten aus der DDR, die wir auf hessischem Boden naturgemäß nicht finden, aber unweit davon: Die Grenzanlagen zu Thüringen, hinter denen Menschen eingesperrt waren, sind zwar weitgehend abgebaut, aber einiges ist erhalten und wird für die Nachwelt konserviert. 

Ich komme zu einer weiteren Gruppe von Denkmälern, bei denen es schon schwieriger ist, auf einen gemeinsamen Nenner zukommen. Ich meine damit Bauten, die nicht in das' landläufige Bild vom „Schönen“ passen. Gemeint sind damit etwa Gebäude der klassischen Moderne vor dem Zweiten Weltkrieg oder aus den Jahrzehnten nach ihm. Baukunst der 50er, 60er und 70er

Jahre hat es bis heute immer wieder schwer - sie wird oft als kühl und seelenlos empfunden, ohne Rücksicht darauf, wie diese Bauten zum Zeitpunkt ihrer Entstehung bewertet wurden. Vermeintlich „kalte“ Hochhausbauten galten als Symbole des Aufbruchs in die Zukunft, heraus aus der durch Naziterror vergifteten Vergangenheit. In ihnen manifestierte sich das - ebenfalls durchaus des Hinterfragens werte - Motto „Wir sind wieder wer", das das Lebensgefühl vieler Menschen in dieser Zeit prägte. jüngst wurde in Frankfurt-Bockenheim der Universitätsturm abgerissen, nach meinem Kenntnisstand gab es kaum Stimmen, die ihm nachtrauerten. Und doch war ich selbst etwas beklommen, dass dieser nun wirklich nicht „schöne“ Klotz verschwand, weil er in meinen Kindheitserinnerungen als eines der ersten richtig großen Hochhäuser, die ich in meinem Leben sah, eine durchaus positive Rolle spielt. 

Es gibt noch mehr „nicht schöne” Denkmäler: Industriebauten von der Gründer- bis in die Nachkriegszeit, Bahnanlagen wie Lokschuppen, Hotels, Eisdielen, Kioske. Die Bauten der geisteswissenschaftlichen Fakultäten der Universität' Marburg etwa, Ihnen allen von der Vorbeifahrt auf der Stadtautobahn – auch sie übrigens eine bauliche Hinterlassenschaft dieser Ära - bekannt, gelten vielen Menschen als außerordentlich hässlich – sie stehen, wenn ich mich nicht irre, komplett unter Denkmalschutz. Und ich behaupte sogar, dass dies, von den heute antiquiert wirkenden technischen Details wie ungedämmten Metallfenstern und anderem abgesehen, richtig ist, denn sie verkörpern den Aufbruch zu einer neuen Universität, offen für alle, klar, transparent, ohne akademischen Dünkel. Ich habe dort lange Jahre studiert, gearbeitet und gelehrt und empfand diese Atmosphäre immer wieder als anregend. Wie ganz anders ist da doch die so genannte „Alte Universität", eine neogotische Scheußlichkeit aus den 1870er Jahren, die aber für viele Besucher und Einheimische das Marburger Stadtbild kaum weniger positiv prägt als Landgrafenschloss und Elisabethkirche. In den dunklen Fluren dieses Baus habe ich mich mehr als einmal verlaufen, es ist immer etwas muffig dort, man schreitet albemehrfürchtig durch diese Phantasiearchitektur und weiß, dass es im berühmt-berüchtigten Elfenbeinturm so aussieht, und nicht wie an der Phil. Fak., wo alles hell und klar ist! 

Zwei Gruppen unbequemer Denkmäler will ich noch kurz benennen, die eine, weil ich beruflich viel mit ihr zutun habe, die andere, weil sie mich erstens privat interessiert und sie zweitens sehr oft einfach „im Weg" ist. Ich meine damit leerstehende historische Gebäude in vielen Kernen unserer Dörfer und Städte sowie Bodendenkmäler, die man - außer an Tagen wie heute -leicht geneigt ist, zu vergessen. Die Leerstände: Sie alle kennen solche Gebäude, und wenn nicht, dann rate ich Ihnen dringend, einmal mit offenen Augen in den Orten herumzulaufen - Sie werden viele davon sehen, zu viele. Diejenigen, die auf dem Dorf wohnen so wie ich, werden viele Häuser aufzählen können, in denen noch ein alter Mensch lebt, bei denen absehbar ist, dass sie über kurz oder lang ebenfalls leer stehen werden. Viele dieser Häuser, oftmals historisch wertvolle und zugleich sehr schöne Fachwerkbauten, machen uns in den kommunalen Verwaltungen großen Verdruss - sie haben keine Nutzung mehr, aber wenn wir sie alle einfach abreißen würden, hätte dies dramatische Auswirkungen auf das historisch gewachsene Gefüge der Dörfer, das einen Großteil ihres Reizes erst ausmacht. Vor einiger Zeit fuhr ich mit einem aus Radolfzell am Bodensee stammenden Geografieprofessor der Uni Marburg ein wenig mit dem Auto durch unseren Landkreis, in das Upland, im Bereich um den Diemelsee, ich glaube, wir kamen auch hier in Flechtdorf vorbei. Eine Aussage von ihm verblüffte mich regelrecht. Er sagte: „Sie haben hier in Hessen so viele schöne alte Häuser in den Dörfern stehen, ganz anders als in meiner Heimat, wo alles so gesichtslos ist, weil kaum noch alte Häuser da sind." Wer Baden-Württemberg und vor allem die Bodenseeregion ein wenig kennt, wird da zustimmen. Er meinte natürlich nicht Konstanz oder Überlingen oder Meersburg mit ihren wunderbaren historischen Bauensembles, aber wenn Sie den See 10 Kilometer hinter sich lassen, dann treffen Sie auf Dörfer und Kleinstädte, die vollkommen beliebig wirken, ich nenne bewusst jetzt keine Namen, weiß aber als Langstreckenwanderer genau, wovon ich spreche. Was sollen wir mit den leeren Häusern in unseren Dörfern tun? Hier prallen die Vorstellungen von Bürgerinnen und Bürgern, Verwaltungen und Denkmalbehörden gelegentlich hart aufeinander, ohne dass wir alle eine endgültige Antwort hätten. Wir brauchen mehr Fantasie und Kreativität bei der Umnutzung historischer Gebäude und müssen ihnen Aufgaben für die Allgemeinheit oder für Gruppen zuweisen, als Dorftreffs, Vereinshäuser, Dorfgästehäuser, Jugendhäuser und anderes mehr. 

Schließlich die Bodendenkmäler. Nicht bei jedem Spatenstich der Freunde aus der Archäologie kommt eine Himmelsscheibe oder ein Keltenfürst zum Vorschein, nicht einmal bei jedem zweiten. Bodendenkmäler, die sich einer Vermarktung verweigern, und das ist die übergroße Mehrheit, haben kaum eine Lobby. Sie stehen oftmals Neubauten, Umgehungsstraßen oder Einkaufszentren im Weg und sind alleine schon deswegen „unbequem". Darüber könnte man lange reden, aber ich möchte nun auf Flechtdorf zu sprechen kommen. „Endlich", werden sicher schon manche unter Ihnen denken! 

Wieso ist denn das ehemalige Kloster und Hospital Flechtdorf, das wir doch alle - aus durchaus verschiedenen Gründen -lieben, auch ein unbequemes Denkmal? Die interessantesten Fragen sind oft die, auf die es mehrere, voneinander abweichende und manchmal sogar widersprüchliche Antworten gibt. Bevor ich mich daran versuche, einige mögliche Antworten zu geben, will ich für diejenigen, die vielleicht zum ersten Mal hier sind

oder sich nicht so ganz sattelfest in der reichen Geschichte dieses Ortes fühlen, zunächst ein paar Stichworte liefern. Diejenigen, die Flechtdorf kennen, verzeihen mir hoffentlich die brachiale Knappheit, die ich nun an den Tag lege: Graf Erpo von Padberg gründete 1101/02 in Boke im Lippischen ein Kloster, das zwischen 1113 und 1120 nach Flechtdorf verlegt wurde. Es sollte somit das älteste Kloster auf dem Gebiet der späteren Grafschaft Waldeck werden. Das Erzbistum Köln hatte die weltliche, das Bistum Paderborn die geistliche Hoheit über das

Kloster. Die Gründungsausstattung war recht umfangreich, aber schon im 13. Jahrhundert kam es zu ersten Stagnationserscheinungen. Das späte Mittelalter war in Flechtdorf gekennzeichnet durch ein dauerndes Auf und Ab, turbulente Phasen, in denen es teils zu größeren Gewalttaten kam, wechselten mit ruhigeren. Im späten 15. Jahrhundert war das Kloster dem Untergang zeitweise nahe. Allerdings schafften es einige tatkräftige Äbte im 16. Jahrhundert selbst unter den Vorzeichen der dem mönchischen Leben feindlichen Reformation, eine neue Blüte herbeizuführen. Mit der Reformation entbrannte der Streit zwischen dem Erzbistum Köln und den Grafen von Waldeck um die Hoheit über das Kloster mit neuer Heftigkeit. Nach zäher Gegenwehr unter kölnischem Schutz endete die Klostergeschichte 1591 mit dem Übergang der Herrschaft auf die Waldecker Grafen. Das Kloster wurde aufgehoben, ein Teil seiner Einkünfte für die Versorgung von Armen eingesetzt. 1702 bestimmte Graf Christian Heinrich von Waldeck, dass nunmehr alle Einnahmen aus den ehemaligen Klostergütern für den Betrieb eines Hospitals zu verwenden seien. Sie bildeten den Grundstock einer Stiftung, die 1968 mit anderen frommen Stiftungen zusammengelegt wurde und nach wie vor den baulichen Unterhalt, wenn auch schon länger nicht mehr den Betrieb des heutigen Alten- und Pflegeheims gewährleisten soll. 

Was ist nun am ehemaligen Kloster und Hospital Flechtdorf „unbequem"? Ich beginne einmal mit einem eher banalen Sachverhalt: Der bauliche Zustand des gesamten Ensembles war zum Zeitpunkt der Übernahme durch den Förderverein nur mit dem Wort „desolat” zu bezeichnen. Das ist nach meiner Ansicht eine unmittelbare Folge der aus heutiger Sicht nicht nach vollziehbaren Entscheidung vor etwa 45 Jahren gewesen, die Gebäude, nachdem sie nicht mehr als Hospital genutzt wurden und die Waldeckische Landesstiftung gebildet worden war, in private Hände zu übertragen. Das verstehe ich ausdrücklich nicht als nachträgliche Kritik an der Eigentümerfamilie –jeder andere private Besitzer wäre damit genauso überfordert gewesen, zumindest wenn er in und mit diesen Baulichkeiten einen landwirtschaftlichen Betrieb hätte führen wollen. Wer glaubt, er hätte es besser gekonnt, dem spreche ich hiermit in aller Offenheit jede Kenntnis der damit verbundenen Probleme und Sorgen ab. 

Dieser bauliche Zustand ist eine schwere Hypothek, die noch viele Jahre auf dieser Anlage lasten wird. Und es wird wohl nie ein Zeitpunkt kommen, an dem man die Hände wird in den

Schoß legen und sagen können: „So, für die nächsten zwanzig Jahre ist Ruhe!" Die Notwendigkeit, in diese Gebäude enorm viel Arbeit zu stecken, um sie zu retten, zu sanieren und neu zu nutzen, ist unbequem, als Gründungsmitglied des Fördervereins würde ich sogar sagen: „Äußerst unbequem!” Die Auflagen, die die Denkmalpflege bei diesen zum Teil wirklich einmaligen Bauten macht, sind unbequem, aber sie sind keine Schikane oder dergleichen, selbst wenn man über das eine oder andere Detail unterschiedlicher Ansicht sein mag. Es gehört eben zum unverwechselbaren Charakter Flechtdorfs, dass es so ist, und das werden wir kaum je ändern können. Die Bausubstanz des ehemaligen Klosters und Hospitals Flechtdorf ist unbequem! Es ist von daher ein unbequemes Denkmal. 

Die hohen Kosten für die Instandsetzung und Neunutzung der ehemaligen Klostergebäude habe ich nun noch nicht einmal erwähnt- sind nicht auch sie „unbequem"? Das denken sicher

Manche, denen der Wert dieser alten Gemäuer nicht einleuchtet. Natürlich gibt es auch Stimmen, die der Meinung sind, man solle die „alte Bude" abreißen und das viele Geld lieber in den Straßenbau stecken oder wohin auch immer sonst. Man kann über solche Ansichten, denen ein hohes Maß an lrrationalität und Unkenntnis über die Verwendung öffentlicher Gelder eigen ist, nur schwer ernsthaft diskutieren, und deswegen versage ich mir das hier und jetzt.

Ich spreche nun schon seit geraumer Zeit über ein Hospital, ohne dass wir uns klar gemacht hätten, was das eigentlich ist in der frühen Neuzeit und dann später im 19. und 20. Jahrhundert. Ich beginne einmal damit, was es nicht ist: Ein Krankenhaus. Man denke sich ein solches landesherrliches Armenhospital eher als ein Wohn- und Pflegeheim für Alte, chronisch Kranke und Behinderte, die vor allem eines sein müssen, um in den Genuss der Pflege und der Wohnung zu kommen: arm. Das ist ein relativer Begriff, aber „arm“ bedeutet in der Sprache der Zeit: „nicht in der Lage, den eigenen Lebensunterhalt zu erringen oder zu gewährleisten", weder selbst, noch in einer Familie oder einem anderen sozialen Zusammenhang, etwa einem großen Hofgut. Unterscheiden müssen wir außerdem zwischen dem Armenhospital, wie hier in Flechtdorf, und dem Hospital, wie es seit dem hohen Mittelalter in den Städten entstand: Hier konnte man sich einkaufen durch eine Stiftung, was Armen, wie leicht einzusehen ist, natürlich nicht möglich war. In vielen Hospitälern lebten allerdings eingekaufte Pfründner und Arme nebeneinander, so auch wohl hier.  

Wohn- und Pflegeheim klingt zunächst einmal recht schön. Was bedeutet das aber unter den Bedingungen des 17. oder 18. Jahrhunderts? Wie wurde denn gewohnt und gepflegt in dieser Zeit? Wer noch selbst betteln konnte, hatte in der Regel wenige Aussichten, aufgenommen zu werden. Geistig, seelisch und körperlich Beeinträchtigte mussten also, verzeihen Sie mir die Formulierung, zu nichts (mehr) zu gebrauchen sein, um Einlass im Armenhospital zu finden. Eigentlich oblag die Fürsorge für die Bedürftigen der jeweiligen Ortsgemeinde, basierend auf

dem Gedanken, dass -ich zitiere - „der Gemeindeangehörige durch wirtschaftliche Tätigkeit seiner Heimat nützlich sei, wofür er als Gegenleistung bei Alter, Krankheit oder sonstiger Hilflosigkeit auf die Hilfe der Gemeinde rechnen durfte '1 Auch das klingt noch recht klar und eindeutig, aber so war es nicht. Sehr viele Bedürftige, einerlei ob alt, krank oder behindert, starben entweder bald oder jung, den medizinischen Möglichkeiten der Zeit gemäß. Sie landeten häufig auf der Straße, insbesondere dann, wenn sie schon vor ihrer Bedürftigkeit zu gesellschaftlichen Randgruppen gezählt wurden oder fern ihrer Geburtsheimat lebten. Die Insassen von Hospitälern mussten mit ihrer Hände Arbeit, so lange sie noch zu irgendetwas im Stande waren, einen Beitrag zu ihren Unterhaltskosten leisten, die Unterbringung war sehr einfach, die Ernährung schlicht, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet sicher ungenügend.

Der Lebenswandel wurde ständig überwacht und wer gegen die Regeln verstieß, konnte hinausgeworfen werden. Rudolf Alexander Alexi hat 1990 in den Geschichtsblättern für Waldeck die Geschichte des Hospitals Leiborn bei Mengeringhausen dargestellt, das 1530 gegründet wurde? Die dortigen Zustände wird man sicher weitgehend auf Flechtdorf übertragen dürfen. Das alles ist nicht katastrophal gewesen oder gar unmenschlich, es waren in aus heutiger Sicht harten Zeiten immerhin Anfänge einer Fürsorgepolitik, die man nicht schlechter machen sollte, als sie waren, aber auch nicht besser. Denn es war ein hartes, karges Leben, das die Bewohner in den Hospitälern fristeten. Alexi hat auch Verstöße gegen die Regeln im Hospital dokumentiert, wie etwa unerlaubte Wirthausbesuche und uneheliche Schwangerschaften von Insassinnen.

Man mag diese Fälle für Schilderungen aus dem so genannten echten Leben halten und mit einem Schmunzeln lesen, wenngleich Alexi sie seriös und ohne jeden amüsierten Unterton schildert. Die Archivalien, auf die er sich zum Teil bezieht, liegen im Staatsarchiv Marburg im Bestand Flechtdorf, weil sie nach der Auflösung Leiborns 1812 dorthin gelangt waren.  

Es ist Ein Beitrag zur Entwicklung der sozial davon auszugehen, dass vergleichbares Quellenmaterial auch für Flechtdorf existiert, das seiner Auswertung noch harrt. Die Forschungslage zu den Hospitälern in Waldeck ist nicht gut, um nicht zu sagen unbefriedigend. Alexis großes Verdienst ist es, exemplarisch gezeigt zu haben, welch reiche Ernte dort einzufahren wäre. Die Forschung zu gesellschaftlichen Randgruppen, zu Hospitälern, zu Fürsorge ist in der seit seiner Arbeit vergangenen Zeit enorm angewachsen. Unsere Kenntnisse und Methoden haben sich bedeutend erweitert und verbessert. Die Grundlagen wurden deutlich ausgeweitet. Hier wäre viel zu tun, auch und gerade in der Beschäftigung mit Flechtdorf als herausragendem Denkmal der waldeckischen Geschichte. Ist dabei mit Unbequemem zu rechnen? Sicher. Es ist nicht die Aufgabe von Geschichtswissenschaft, vom heutigen Standpunkt aus moralische Urteile über die Zustände in einer solchen Institution zu fällen. Ich meine aber, und möchte dafür plädieren, dass neben den mehr oder minder glanzvollen Klosterzeiten auch die Hospitalszeit stärker in den Fokus der die Sanierung der Gebäude flankierenden Forschungen, die schon vieles an das Tageslicht gefördert haben, zu nehmen wäre. Das ist keine bequeme Thematik, denn es dürfte durchaus eine Verantwortung aus heutiger Sicht bestehen, sich mit den Zuständen im Hospital Flechtdorf zu befassen, sie zu erforschen und auch hier, in einer Darstellung der Geschichte dieser Einrichtung, angemessen zu repräsentieren, ohne zu glätten und ohne zu beschönigen.  

Das Unbequeme wird dann an dieser Stelle vielleicht etwas weniger unbequem werden. Die Geschichte des Hospitals in den ehemaligen Klostergebäuden umfasst immerhin mehr als zweieinhalb Jahrhunderte. Das ist mehr als halb so viel wie die Geschichte des Klosters und die Quellen sprudeln erheblich reicher. Deswegen möchte ich meine heutigen, tastenden Anmerkungen verstanden wissen als Hinweis auf den noch beinahe ungehobenen Schatz der Hospitalsgeschichte Flechtdorfs. Dass und wie man solche Themen behandeln und aufbereiten kann, zeigt in unserem Landkreis das Museum im ehemaligen Kloster und Hospital Haina. Dieses war und ist sicher eine weitaus größere und bedeutendere Institution, und doch in ihrer Wirkung für ihr Territorium, die Landgrafschaft Hessen-Kassel, durchaus vergleichbar mit Flechtdorf und seiner Bedeutung für die Grafschaft und das spätere Fürstentum Waldeck.

Mit dem Rentmeisterhaus und etlichen weiteren Baulichkeiten ist das Hospital noch überall auf dem Gelände präsent. Das ist eine Chance, diesem Thema angemessenen Raum zu geben. Ich fordere dies nicht, weil ich selbst nur zu gut weiß, dass die Mühlen bei einem solch großen Projekt wie hier in Flechtdorf mit der Sanierung der Gebäude langsam mahlen, oftmals sehr langsam. Aber vielleicht finden sich bei den Rechtsnachfolgern des Hospitals und unter den heutigen Trägern von Fürsorge offene Ohren für die Finanzierung eines Forschungsauftrags. Die Flechtdorfer Überlieferung im Hessischen Staatsarchiv Marburg ist geordnet und verzeichnet und wartet auf einen Menschen, der sich ihrer mit Forschergeist und Enthusiasmus annimmt. Auch das würde sicher an so manchem Tag alles andere als bequem sein, aber ich bin mir sicher, dass es sich lohnen würde.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Literatur:

Inge Helfer, Stw. "Heimatprinzip", in: Fachlexikon der sozialen Arbeit, Frankfurt/M, 3.Aufl. 1993, S 455

Rudolf Alexander Alexi, Das Hospital Leiborn bei Mengeringhausen. Ein Beitrag zur Entwicklung der sozialmedizinischen Versorgung in Nordhessen, in GblII Waldeck 87, 1990, S. 41-108.